Er steht selten im Rampenlicht, obwohl er mitten im Erfolg arbeitet. Der Speed-Cheftrainer von Swiss Ski mauert das Fundament, auf dem Siege entstehen. Der Dokumentarfilm «Leading the Line» richtet den Blick auf einen Mann, der im Hochgeschwindigkeitszirkus des Skiweltcups vor allem eines kultiviert: Vertrauen. Regisseur Sven Allenbach hat Reto Nydegger über Monate begleitet – nah, unaufgeregt und ohne Pathos.
Warum ein Film über einen Trainer – und nicht über den nächsten Skihelden? Sven Allenbach: Mich hat genau dieser Fokus interessiert: Ein Trainer, der die Verantwortung für eine Gruppe von Athleten trägt, welche charakterlich völlig unterschiedlich sind. Ich kenne Reto schon lange und habe seinen Werdegang als Trainer mitverfolgt. Schon in seinen sechs Jahren in Norwegen hat er es geschafft, Einzelsportler mit einem grossen Palmares zu einem Team zu formen. Zudem fand ich ihn als Person spannend, weil er grundsätzlich keiner ist, der das Rampenlicht sucht.
Der Film wirkt sehr nah, fast intim. Wie haben Sie dieses Vertrauen aufgebaut? Sicherlich spielt da meine Erfahrung eine grosse Rolle. Eine gewisse Zurückhaltung ist extrem wichtig – Situationen, wo man die Kamera bewusst nicht hervorholt, sind für ein Vertrauensverhältnis wichtiger als die Momente, in denen gefilmt wird. Gibt es keinen Freiraum mehr, dann verlieren Szenen automatisch an Echtheit. Dazu braucht sehr viel Zeit, gutes Timing und ein wenig Glück. Am Schluss hatten wir über 30 Stunden Rohmaterial. Keine einzige Szene im Film ist gestellt, kein Interview zwei Mal aufgenommen. Diese Authentizität war von Anfang an unser Anspruch.
Die Premiere im Kino Rex in Interlaken war ausverkauft, die Leute standen Schlange. Hat Sie das überrascht? Wahnsinn. Das hat uns komplett überrascht und extrem gefreut! Kinobesitzer Manuel Sanchez hat gemeint, dass ein ausverkauftes Kino in Interlaken nicht einmal die Topfilme «Maverick» oder «No Time To Die» geschafft haben in den letzten Jahren. Es zeigt sicherlich, dass der Skisport zurzeit eine riesengrosse Beliebtheit geniesst und dass die Hintergrundgeschichten rund um unsere Skicracks interessieren. Zweifellos ist Reto Nydegger inzwischen auch kein Unbekannter mehr in der Region.
Was hat Sie persönlich an Reto Nydegger am meisten überrascht? Seine Ruhe, egal in welcher Situation. Das ist wirklich aussergewöhnlich, welche Unaufgeregtheit er ausstrahlt, und sein Gespür, um auf jeden einzelnen Athleten einzugehen. Für das gesamte Speed-Team ist dies ein ganz zentraler Faktor.
Im Film wird oft vom «Team als Star» gesprochen. Ist das mehr als ein schönes Narrativ? Definitiv. Egal ob Weltcupsieger, Weltmeister oder Olympiasieger, keiner im Team fühlt sich als etwas Besseres. Es gibt klare Regeln und Strukturen und der Umgang ist stets respektvoll und auf Augenhöhe. Die Trainer leben dies auch vor. Superstar Marco Odermatt hat mit seiner Bodenständigkeit sicher einen grossen Anteil daran, dass dieser Teamgedanke nach wie vor so gelebt wird.
Wie schwierig ist es, sportlichen Erfolg filmisch spannend zu erzählen, ohne ständig Zeiten und Technik zu erklären? Vieles was der Zuschauer am TV sieht, ist repetitiv. Startvorbereitung, Rennen, Interviews etc. Deshalb haben wir beispielsweise bewusst auf Rennbilder verzichtet im Film. Denn 95 Prozent besteht für die Athleten aus Training und Vorbereitung auf eine Saison. Diesen Alltag zu zeigen und die Momente, wenn die Scheinwerfer nicht auf die Athleten gerichtet sind, war für uns zentral. Damit verbunden war auch, dass wir den Trainingsblock in Chile begleiten, wo sonst keine Kameras vor Ort sind.
Welche Rolle spielt der private Mensch Reto Nydegger im Film? Eine wichtige. Die «Homebase» ist für Reto Nydegger seit jeher Iseltwald und das Berner Oberland. Das war auch während seiner Zeit in Norwegen so. Es ist wichtig, einen Menschen zu zeigen, der sich seiner Verantwortung beruflich wie auch privat bewusst ist. Für einen solchen Job braucht es die ganze Familie, die dies zu 100% mitträgt.
Der Dokumentarfilm «Leading the Line» wird weiter im Kino Rex in Interlaken gezeigt. Was wünschen Sie sich für das Publikum? Dass die Message des Films mit nach Hause genommen wird: Egal, was man Leben schafft oder welche Erfolge man erzielt – Respekt und Demut sind nicht nur im Sport, sondern auch auf Führungsebene und generell in unserer Gesellschaft eine so wichtige Basis.
www.sevenworld.ch
Zur Person: Sven Allenbach (54) ist Film-produzent, Journalist, Regisseur und kreativer Allrounder aus dem Berner Oberland. Seit über zwei Jahrzehnten arbeitet er in der konzeptionellen Gestaltung und Umsetzung audiovisueller Medien, mit besonderem Fokus auf dokumentarische Formate und authentisches Storytelling. Er ist zudem verantwortlich für Content (Film&-Foto) und Kampagnen der Tourismusdestination Adelboden-Lenk-Kandersteg. Allenbach
war ausserdem Regisseur und künstlerischer Leiter der Tellspiele Interlaken und hat als Comedian mit seiner Kunstfigur «Hans Otto von Allmen» Bekanntheit erlangt.
12. Februar 2026