Clara von Rappard, «Die Lesenden». (Bild:
Eine Reise in die Gedankenwelt zweier Frauen, die ihrer Zeit voraus waren: Im Kunsthaus Interlaken begegnen sich die Werke von Clara von Rappard und Marguerite Burnat-Provins. Die Ausstellung «Fern und doch nah» ist noch bis zum 23. August zu sehen.
Sie lebten in unterschiedlichen Welten, gingen aber ähnliche Wege. Beide setzten sich als Künstlerinnen in einer von Männern dominierten Kunstwelt durch, beide suchten in ihrer Arbeit nach Ausdruck für das Sichtbare und das Verborgene. Im Kunsthaus Interlaken treten Clara von Rappard (1857–1912) und Marguerite Burnat-Provins (1872–1952) nun erstmals in einen gemeinsamen Dialog. Die Ausstellung zeigt Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Illustrationen der beiden Künstlerinnen und macht überraschende Parallelen sichtbar. Während Burnat-Provins rastlos durch Europa, Nordafrika und den Nahen Osten reiste, zog es auch Clara von Rappard immer wieder ins Ausland, von Österreich bis zur Türkei, von Ungarn bis Griechenland. Beide entwickelten eine von Symbolismus und Introspektion geprägte Bildsprache und beschäftigten sich mit existenziellen Fragen ihrer Zeit. «Auch wenn auf den ersten Blick das Schaffen beider Frauen wenig Ähnlichkeit aufweist, gibt es doch einige Gemeinsamkeiten: den künstlerischen Werdegang, ihr persönliches Leben und die Beziehungen zu ihrem Umfeld», schreibt dazu die Kunsthistorikerin Anne Murray-Robertson. Die Frauen stammten aus wohlhabenden Familien und wurden in Zeichnen und, im Falle von Clara, in der Bildhauerei ausgebildet. Schon in sehr jungen Jahren waren die beiden auf Ausstellungen im Ausland vertreten und wurden mit Auszeichnungen geehrt (Clara mit einer Goldmedaille bei der German Exhibition in London 1892 und Marguerite mit einem Ehrendiplom bei der Internationalen Ausstellung in Antwerpen 1904). Gemeinsam war ihnen auch ein von körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen geprägtes Leben und das Schicksal der Kinderlosigkeit, heisst es in einer Mitteilung des Kunsthauses Interlaken gemeinsam mit der Gesellschaft Clara von Rappard. Rappard verbrachte einen grossen Teil ihres Lebens am Rugen, ihr Vater war Besitzer des Hotels Jungfraublick, des heutigen Hotels Regina.
Oberländer KulturgeschichteDie Ausstellung ist dabei mehr als eine kunsthistorische Gegenüberstellung. Sie lädt dazu ein, in die Gedanken- und Gefühlswelt zweier aussergewöhnlicher Frauen einzutauchen, deren Werk lange unterschätzt wurde. Beide Künstlerinnen wurden zu Lebzeiten ausgezeichnet, gerieten nach ihrem Tod jedoch weitgehend in Vergessenheit. Begleitet wird die Ausstellung von mehreren Veranstaltungen. Bereits am 20. Juni fand die Buchvernissage zur Neuauflage des Alpenmärchens «Vreneli» mit Illustrationen von Clara von Rappard statt. Am 5. Juli, 11.00 Uhr folgt der Rundgang «Auf den Spuren der Familie Rappard», Treffpunkt ist die Bushaltestelle Hotel Regina, Matten. Die Wanderung führt vom Hotel Regina in Matten bis zur Grabstätte der Familie und vermittelt an verschiedenen Stationen Einblicke in das Leben und Wirken der von Rappards. Acht Informationstafeln entlang des Ringwegs erzählen von einem der spannendsten Kapitel der Oberländer Kulturgeschichte und von Clara von Rappards künstlerischem Schaffen. Weitere Höhepunkte sind eine öffentliche Führung durch die Ausstellung am 26. Juli, 11.00 Uhr sowie der illustrierte Vortrag «Marguerite Burnat-Provins – Mut zur Freiheit» von Kunsthistorikerin Anne Murray-Robertson am 16. August, 11.00 Uhr. Den Abschluss bildet am 23. August, 14.30 Uhr eine Finissage mit Besichtigung des Hotels Regina, das einst der Familie von Rappard gehörte. Treffpunkt ist die Bushaltestelle Hotel Regina, Matten. Mit «Fern und doch nah» lädt das Kunsthaus Interlaken zu einer faszinierenden Begegnung mit zwei Künstlerinnen ein, die ihrer Zeit voraus waren.
www.kunsthausinterlaken.ch25. Juni 2026