Doppelt fährt besser
Wintersport – Seit 30 Jahren findet in Grindelwald die Velogemel-Weltmeisterschaft statt – auf einem Sportgerät, das bereits seit 115 Jahren existiert. Und zwei Brüder gehen mit einem Museumsstück an den Start.
Wenn der Startschuss für die Velogemel-Weltmeisterschaft ertönt, stürzen sich auch zwei Grindelwalder Brüder mit einem Doppelsitzer-Velogemel ins Rennen. «Durch das höhere Gewicht ist die Geschwindigkeit und das Kurvenverhalten etwas anders, aber im Grunde fährt es sich wie jeder andere Velogemel auch», sagt Michael Hofmann, der zusammen mit seinem Bruder Daniel im vergangenen Jahr die Premiere wagte. Die Inspiration kam Michael Hofmann an einem Silvesterabend im Hotel Belvedere in Grindelwald, das seinem Onkel gehört. Dort stand eine Leihgabe des Museums Grindelwald als Dekoration. «Das Thema kam im vergangenen Jahr wieder auf und so fragte ich beim Museum nach, ob wir das Gerät für die Weltmeisterschaft ausleihen könnten», sagt Michael. «Das Alter des Museumsstücks lässt sich nur vermuten: ein Zeitzeuge aus den Anfängen des Velogemelbaus, vermutlich ein Jahrhundert alt. «Und sie haben einfach ja gesagt», erinnern sich die beiden Brüder noch immer leicht ungläubig. Damit nicht genug, sie wurden auch noch mit passender Kleidung von anno dazumal ausstaffiert. Durch eine kleine Reparatur mithilfe einer guten Kollegin konnte das Museumsstück renntauglich gemacht werden. Der Anblick der beiden Brüder auf dem antiken Holzgestell sorgte für Aufsehen. Neben etlichen Newsberichten und Videobeiträgen fragte sogar eine ausländische Medienanstalt für ein Interview an: «Das war überraschend, wir hätten das nie für möglich gehalten», sagt Michael Hofmann. Die beiden Brüder führen beim Schlitten- und Rodelclub Grindelwald jahrelang Doppelsitzer-Rodel. Die Motivation der beiden Brüder: «Uns geht es um die Freude daran, nicht ums Gewinnen.»Bald ein Neubau?
Für die bevorstehende Weltmeisterschaft vom 8. Februar ist das Ziel klar: Ein lustiger Nachmittag und viel Spass für die Zuschauer soll es werden. Michael Hofmann denkt jedoch schon weiter. Sein Traum ist es, den historischen Doppelsitzer nachzubauen. Mehr noch: Sollten im nächsten Jahr drei solcher Modelle bereitstehen, könnte der Anlass an Spannung gewinnen. «Gebaut wurden ursprünglich wohl einmal zwei Exemplare, aber das ausgeliehene Exemplar aus dem Museum ist das einzige bekannte Modell», weiss Michael. Er sinniert: «Vielleicht gibt es Organisationen und Unternehmen, die unsere Idee unterstützen würden, damit wir die Geschichte des Velogemels weiterschreiben können.» Freude hätte sicher auch der Erfinder des Velogemels, Christian Bühlmann, der das Gefährt 1911 zum Patent anmeldete: «Einspuriger lenkbarer Sportschlitten» nannte er seine Erfindung in der Patentschrift. Er konstruierte bereits 1917 nicht nur einen Kinder-Velogemel für seine Tochter, sondern später auch einen ersten Tandem-Veloschlitten, den er «Hanibal» nannte. Die Holzkreation Schmid AG in Grindelwald führt Bühlmanns Erbe fort und stellt das Sportgerät bis heute her. 24 Einzelteile sind nötig, um einen Velogemel zusammenzusetzen – jedes davon trägt seinen Teil zur Funktionalität und Ästhetik bei. 590 Franken kostet das Qualitätsprodukt ohne Beschriftung. Aus Anlass des Jubiläums «850 Jahre Grindelwald» wurde im Januar 1996 erstmals eine «Weltmeisterschaft» durchgeführt, mit deutscher, holländischer, französischer und japanischer Beteiligung. Ob mit dem Standardmodell für 590 Franken oder dem unbezahlbaren Museumsstück der Hofmanns: Am 8. Februar zählt auf der Piste nur die Leidenschaft für das Grindelwalder Original.
www.velogemelgrindelwald.com