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Kultur

Interview mit Martin Niedermann

Er sammelt, erforscht und erzählt Sagen – frei, bildhaft und nah am Publikum: Martin Niedermann bewahrt mündliches Kulturgut und bringt es in Schulen, Museen und auf Plätze der Region. Ein Gespräch über die Kraft des Erzählens, die Sprache als Heimat und die Magie alter Symbole.

Anzeiger Interlaken: Herr Niedermann, was kann eine erzählte Geschichte bewirken? Martin Niedermann: Geschichtenerzählen ist wie eine Begegnung mit dem Innern des anderen. Wenn ein Erzähler gut erzählt, entstehen beim Gegenüber innere Bilder. Das ist die Kunst. Der Erzähler offenbart nicht nur die Geschichte, sondern auch etwas von sich selbst und seiner Beziehung zum Publikum. Gleichzeitig muss er spüren, wer ihm zuhört. Der Auftrag lautet letztlich: «Erzähl uns die Geschichte so, dass wir sie dir abnehmen.» Für mich gehören Geschichte, Erzähler und Publikum gleichwertig zusammen. Diese drei Ebenen müssen lebendig bleiben.

Warum entstehen gerade im Berner Oberland an manchen Orten besonders viele Sagen? Ich bin ein grosser Sagenfreund. Im Berner Oberland hängt das stark mit der Mentalität und den abgelegenen Tälern zusammen. Die Neuzeit begann hier später als in den Städten, Traditionen wurden länger gepflegt. Viele Menschen in den Alpentälern identifizieren sich bis heute stark über ihre Geschichten – und darum leben sie weiter.
Dazu kommen uralte Motive, die immer wieder auftauchen: Verstorbene, Schuld, Wiedergutmachung oder Naturgewalten. Das Hardermandli büsst noch heute seine Taten. Am Thunersee erzählt man von einem Dorf, das wegen Übermasses verschüttet wurde. Oder von der «Wilden Jagd», einer unheimlichen Wintererscheinung in den Tälern. Auch die sogenannten Leichenzüge, Züge der Verstorbenen, gehören dazu. Interessant ist für mich, dass viele dieser Motive im Oberland selbst nach der Reformation weiterlebten.

Sie treten am Jungfrau Erzählfestival auf – was passiert, wenn Sie zusammen mit Esel Noldi erzählen? Noldi bringt die Geschichte mit voran. Er ist gewissermassen die Stimme des Publikums und spricht aus, was sich manche vielleicht denken, aber nicht sagen würden. Dadurch entsteht eine besondere Begegnung mit den Zuhörenden. Am Festival erzähle ich mit ihm eine Sage als eine Art Tandemgeschichte.

Humboldt sprach von Sprache als Heimat. Was bedeutet dieser Gedanke für Sie? Sprache ist immer auch Ausdruck einer Gegend. Vieles von dem, was Menschen verbindet, zeigt sich in ihrer Sprache. Wenn Innen- und Aussenwelt zusammenpassen und sich durch Sprache ausdrücken lassen, entsteht Heimat. Das kann sehr berührend sein. Und man spürt auch, wann eine Geschichte wirklich angekommen ist – manchmal gerade in der Stille des Publikums. Dieser Austausch beflügelt mich.

www.redensart.ch


Zur Person: Martin Niedermann ist ­gebürtiger Interlakner, zertifizierter Erzähler, Heilpädagoge und Sagenforscher. Er sammelt mündlich über­lieferte Geschichten aus dem Berner Oberland und erzählt sie frei, bildhaft und oft unter freiem Himmel weiter. Seine Auftritte entstehen ohne Manuskript und leben von situativer Präsenz, Dialektfärbung und der Nähe zum Publikum. Seit 2002 erzählt und ins­zeniert er bei der Freien Marionetten­bühne Wengen, leitet die Erzähl­akademie.ch und ist Mitgründer des Jungfrau ­Erzählfestivals. Zudem gestaltet er Radiosendungen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit therapeutischem Erzählen. Immer wieder an seiner Seite: Esel Noldi – entschleunigter Begleiter, Bauchrednerfigur und stiller Publikumsliebling.

28. Mai 2026

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