Anzeiger Interlaken: Bei Ihnen verändert sich gerade einiges. Es wirkt persönlicher, vielleicht auch klarer. Wo stehen Sie im Moment? Ilira Gashi: In jüngster Zeit ist viel passiert. Mein Vater ist vor sieben Monaten verstorben. Ich war dadurch gezwungen, ins Familienunternehmen einzusteigen. Meine Eltern führten eine Praxis im Bereich Psychiatrie und Schönheit. Nun unterstütze ich meine Mutter und kümmere mich um Administration und Management. Parallel dazu läuft meine erste Tour in der Schweiz, die fast ausverkauft ist. Ich schreibe neue Songs und arbeite auf ein Album hin, das Ende 2026 erscheinen soll. Es kommt vieles zusammen, aber es fühlt sich stimmig an.
Sie haben international viel erreicht – und schwierige Phasen erlebt. Wie haben Sie diesen Kontrast wahrgenommen? Der Druck war sehr gross, vor allem seitens der damaligen Plattenfirma. Da ging es oft darum, Musik für die Masse zu produzieren. Ich habe gemerkt, dass mich das gesundheitlich belastet. Es wurde bei mir sogar psychosomatisch spürbar. Mein Körper hat mir klar gezeigt, dass es so nicht weitergeht.
Gab es einen Punkt, an dem Sie wussten, so geht es nicht mehr? Es war kein einzelner Moment, eher ein Prozess. Aber irgendwann wurde klar: Ich muss etwas verändern. Seit letztem Jahr arbeite ich unabhängig mit einem eigenen kleinen Team, ohne Label. Ich finanziere alles selbst und habe dadurch mehr kreative Freiheit, aber auch mehr Verantwortung.
Was ist heute anders? Ich mache Musik, die ich selbst gerne höre. Früher stand oft die Frage im Raum: Was funktioniert? Heute frage ich mich: Was will ich erzählen? Mein Zugang ist freier geworden. Ideen entstehen etwa beim Spazieren, ganz spontan. Ich halte sie bruchstückhaft fest und gehe danach an das Ausarbeiten und ins Studio.
Woran merken Sie, dass es für Sie stimmt? Ich habe mein eigenes Tempo gefunden. Ich brauche dieses grosse Rad der Musikindustrie nicht mehr. Mir ist wichtig, dass ich Raum habe, auch für mich persönlich.
Ihre aktuelle Tour ist bewusst klein gehalten? Ja, wir sind zu zweit unterwegs, mein Gitarrist Nathan McDonough und ich. Sehr intim. Ich kann mehr erzählen und direkter mit dem Publikum in Kontakt treten. In rund 75 Minuten präsentieren wir etwa 15 unveröffentlichte Songs. Wir schauen live auch, wie die Stücke wirken, reduziert auf Stimme und Gitarre. Als Singer-Songwriterin fühle ich mich deutlich wohler als früher im Pop-Kontext.
Ihre Stimme umfasst mehrere Oktaven. Wann wurde das hörbar, und wie halten Sie sie beweglich? Ein Schlüsselmoment war das Jahr am Musikgymnasium in Gera. Dort wurde deutlich, wie gross mein stimmlicher Umfang ist. Ich konnte sehr hoch singen und wurde dem Sopran zugeordnet. In dieser Zeit bewegte sich meine Stimme über mehrere Oktaven. Heute steht diese extreme Bandbreite weniger im Vordergrund. Ich schätze vielmehr die tieferen Lagen, in denen ich mich stimmlich freier und natürlicher bewegen kann.
Was aus Brienz und dem Berner Oberland ist heute noch für Sie spürbar? Sehr viel. Ich bin in Brienz geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist damals aus dem Kosovo geflüchtet. Brienz war für ihn ein Traumort. Diese Ruhe, diese Natur: Diese Gegend hat mich geprägt. Ich war letztes Jahr mit meinen Eltern wieder dort, und wie immer war das für uns ein sehr besonderer Moment.
Was hat Sie in den letzten Jahren am meisten verändert? Dass ich gelernt habe, auf mich zu hören. Und zu merken, wann etwas nicht mehr stimmt.
Wohin zieht es Sie im Moment? Ich möchte aus dieser Unabhängigkeit heraus weiterwachsen. Ohne Druck. Und schauen, was entsteht.
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