Der Täggelibock und der Brienzersee gehören einfach zusammen – im Sendli in Interlaken. (Bild: zvg)
Kultur

Der Letzte seiner Art

Der Dieselmotor des Täggelibocks täggelet seit 100 Jahren. Ein Baselbieter ist seit 45 Jahren völlig seinem Charme erlegen. Über die Faszination einer Maschine, die langsamer ist als das meiste der heutigen Zeit.

Eine selten gewordene Ruhe geht von diesem See aus. Türkisfarben schimmert sein Wasser und ist stellenweise so klar, dass das Auge bis auf den Grund reicht. Der Blick schweift weiter, und auf einmal übertönt ein eigentümliches Geräusch das Gezirre der Rauchschwalben. Etwas tuckert arhythmisch über den Brienzersee. Nun ist das Schiff in Sicht: der Täggelibock. Sein legendärer Motorenklang eilt ihm voraus. Seit 117 Jahren gehört das Roverschiff zu seinem Heimathafen Sendli in Interlaken. 1909 wurde der Täggelibock von den Waser-Brüdern aus Stansstad in Brienz gebaut und zunächst als Transportschiff auf dem Brienzersee eingesetzt. Nach einem Brand im Maschinenraum erhielt das damalige Ledischiff, noch unter dem Namen «Adler», 1946 einen neuen Motor. Der noch heute funktionierende Zwei-Zylinder-Diesel von Benz wurde eingebaut. Anfang der 1960er-Jahre wurde der Täggelibock zum Pfadiprojekt. Daher stammt auch sein offizieller Schiffsname «Lord Baden Powell». Im Berner Oberland kennt und liebt man ihn allerdings schlicht unter dem Namen Täggelibock. Einer, der sich diesem Schiff seit Jahrzehnten verschrieben hat, ist der gebürtige Baselbieter Kurt Speiser. Heute lebt der Pensionierte in Oberhofen. Der Metallbauplaner kommt im Gespräch gehörig ins Schwelgen: «1981 arbeitete ich in Interlaken bei einem Metallbau-Unternehmen und wir mussten etwas für diesen Motor machen, der schon damals weltweit einer der letzten war, die noch liefen.» Der dieselbetriebene Benz-Motor zog Kurt Speiser von Beginn weg in seinen Bann. Derart einfach in der Konstruktion, sei er «fast wie eine Dampfmaschine», schmunzelt er verzückt. Als einer der weltweit ersten Dieselmotoren gehöre er zur ersten Generation – da würden etwa auch noch sämtliche Schmierstellen von Hand geschmiert, erzählt der Begeisterte. Die Faszination vergleicht er mit derjenigen für einen Oldtimer: Kein einziges Teil kann noch bestellt werden. So heisst es beim Renovieren eigentlich immer: «Neu herstellen lassen oder selber machen.» Soeben war man rund sechs Wochen in der BLS-Werft Interlaken Ost und hat rund 3000 Arbeitsstunden insbesondere in die Renovation von Schale und Motor investiert.

Vom Vater zum Sohn
Sämtliche Engagements rund um den Täggelibock geschehen ehrenamtlich. Hinter dem Schiff steht ein Verein mit 600 Menschen, darunter 30 Aktive, die nicht einfach ein altes Schiff erhalten wollen, sondern ein Stück Technik- und Schifffahrtsgeschichte. Auch Kurt Speiser gehört seit Jahrzehnten dazu. Die Leidenschaft für den Täggelibock habe sich längst vom Vater auf den Sohn übertragen. «Schon als kleiner Bub war Stephan oft auf der Kommandobrücke», erzählt Speiser. Heute ist Stephan Speiser der Täggelibock-Kapitän. Für Kurt Speiser ist der alte «Benz» mehr als nur ein Motor. Er beschreibt ihn als gutmütig, kraftvoll und faszinierend. Gerade seine Langsamkeit und die direkte Mechanik würden ihn so besonders machen. «Da hört und sieht man noch alles», sagt Speiser. Moderne Motoren seien kaum mit derartigem Pumpen, Pulsieren, Stampfen und Täggelen vergleichbar. An Anekdoten fehlt es denn auch nicht. Ob Klassenzusammenkunft, Familienfest, Geburtstag oder Schifffahrt nach einer Abdankung – sogar Trauffer drehte an Bord das Musikvideo zu «Raclette Reggae». Immer wieder bleiben Menschen am Ufer stehen, sobald das charakteristische Tuckern vom See her ertönt. «Es ist ein Museumsstück, das sich bewegt und damit Leute bewegt», sagt Speiser. Und er hofft, dass sich auch künftig junge Menschen finden, die dieses Stück Brienzersee weitertragen.

Jubiläumsfeier
100 Jahre Täggelibockmotor, Samstag, 8. August, 12.30 – 16.30 Uhr, Bushaltestelle Schlössli, Bönigen

www.taeggelibock.ch
02. Juli 2026

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