Dutzende junge Menschen sitzen an diesem Sommerabend im Garten von Balmers Hostel in Matten. Es wird gelacht, Englisch, Spanisch und Koreanisch gesprochen. Carmen Balmer ist mittendrin, beantwortet Fragen und nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Schnell wird klar: Für sie ist ein Hostel weit mehr als ein Ort zum Übernachten. Es ist ein Ort, an dem Erinnerungen entstehen.
Anzeiger Interlaken: Wenn Sie heute Abend in den Garten schauen – was sehen Sie? Carmen Balmer: Genau das, was ich liebe (lacht). Menschen aus aller Welt, die sich begegnen. Viele planen ihre Reise heute bis ins Detail. Aber die schönsten Erlebnisse kannst du nicht buchen. Die entstehen, wenn plötzlich Australier mit Amerikanern zusammensitzen oder jemand beim Frühstück neue Freunde findet. Genau das macht ein Hostel aus.
Trotzdem werden Hostels oft mit Hotels verglichen … Das ist der grösste Unterschied. Ein Hostel ist eine eigene Liga. Viele sehen nur den Preis oder ein Bett. Dabei geht es um viel mehr. Wer einfach seine Zimmertür schliessen möchte, ist im Hotel richtig. Wer Menschen kennenlernen will, der kommt ins Hostel.
Nordamerikanische Gäste gehören seit Jahrzehnten zu Ihren treuesten Besuchern. Ja, und das freut mich jedes Jahr aufs Neue. Mein Vater hat dort schon sehr früh Beziehungen aufgebaut und unglaublich viel für Interlaken gemacht. Dieses Vertrauen spüren wir bis heute.
Weiter … Das Schönste ist aber, wenn ehemalige Gäste Jahre später mit ihren Kindern wieder hier stehen. Dann merkt man, dass wir offenbar etwas richtig gemacht haben.
Was fasziniert Sie nach all den Jahren noch an Ihrem Beruf? Ich sage immer (lacht): «It's like freaking Disneyland. It's a hobby that pays well.» (Anm. d. Red.: «Es ist wie Disneyland – es ist ein Hobby, das gut bezahlt wird.») Niemand muss hier sein. Alle wollen hier sein. Ich arbeite jeden Tag mit jungen, gesunden, offenen Menschen aus der ganzen Welt. Natürlich gibt es lange Tage. Wir arbeiten rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Aber diese Energie bekommst du auch wieder zurück.
Sehen Sie sich eher als Managerin oder als Gastgeberin? Ein Betrieb wie Balmers Hostel lebt von Menschen. Prozesse, Buchungen und Zahlen sind wichtig – aber am Ende erinnern sich die Gäste daran, wie sie empfangen wurden. Gastgeber sein kann man nicht lernen, das muss man leben. Meine Eltern haben uns das vorgelebt. Wer zur Tür hereinkommt, ist nicht einfach eine Buchung, sondern ein Gast. Dieses Gefühl möchten wir bis heute weitergeben.
Hinter der lockeren Atmosphäre steckt viel Arbeit … Sehr viel. Personal, Unterhalt, Renovationen, Technik – alles läuft gleichzeitig. Und trotzdem soll sich der Gast einfach willkommen fühlen.
Was darf sich bei Balmers Hostel nie verändern? Dass es ein Ort der Begegnungen bleibt. Natürlich entwickeln wir uns weiter, renovieren laufend und investieren in die Zukunft. Aber wir dürfen nie zu einem beliebigen Beherbergungsbetrieb werden. Die Menschen sollen noch immer wegen der Atmosphäre kommen.
Was möchten Sie Ihren Gästen mit auf den Weg geben? Dass sie den Moment geniessen. Viele halten heute alles mit dem Handy fest. Aber am Ende zählt etwas anderes. «Once we check out, all we have are memories.» (Anm. d. Red.: «Wenn wir auschecken, bleiben uns am Ende nur die Erinnerungen.») Und genau darum geht es für mich. Menschen sollen hier nicht einfach übernachten. Sie sollen nach Hause gehen und sich Jahre später noch an Balmers Hostel erinnern.
www.balmers.com
Zur Person: Carmen Balmer führt den operativen Betrieb von Balmers Hostel in Matten bei Interlaken. Schon als Jugendliche arbeitete sie in den Sommerferien im Familienbetrieb mit, seit 2008 trägt sie die Verantwortung. Neben der Hotellerie gilt ihre grosse Leidenschaft dem Ballett: 2020 stand sie im Kursaal Interlaken als «Black Swan» auf der Bühne. Dass sie Deutsch und Englisch ganz selbstverständlich mischt, ist übrigens Familientradition.
13. August 2026