Kinder mit besonderem Bildungsbedarf können integrativ oder separativ unterrichtet werden. (Bild: Magnific)
In den vergangenen zehn Jahren ist der Bedarf an besonderen Volksschulangeboten im Kanton Bern deutlich gestiegen. Im Berner Oberland zeigt sich diese Entwicklung ganz konkret.
Frontalunterricht, bei dem alle Kinder zur selben Zeit dasselbe lernen, gehört längst nicht mehr zum schulischen Alltag. Heute richtet sich der Blick stärker auf das einzelne Kind: Was kann es, was braucht es, welche Unterstützung hilft ihm weiter? Dieser Anspruch auf eine bedarfsgerechte Schulbildung ist im Kanton Bern seit 2022 rechtlich verankert. Doch je individueller Schule wird, desto unterschiedlicher werden die Antworten, die sie geben muss.
Ein System im WandelMit der Revision des Volksschulgesetzes wechselten die besonderen Volksschulen Anfang 2022 in die Zuständigkeit der Bildungs- und Kulturdirektion. Seither soll jedes Kind einen bedarfsgerechten Schulplatz erhalten. Kinder und Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf können integrativ in einer Regelschule oder separativ in einer besonderen Volksschule unterrichtet werden. Der Bedarf an besonderen Volksschulangeboten ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Im Berner Oberland besuchen aktuell rund 680 Schülerinnen und Schüler eine separative und rund 440 eine integrative Form des besonderen Volksschulangebots. Für den gestiegenen Bedarf nennt der Kanton mehrere Gründe. So nahm in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Schülerinnen und Schüler insgesamt zu – und damit auch jene im besonderen Volksschulangebot. Mit der Neuregelung bestand laut Kanton zugleich ein gewisser «Nachholbedarf». Gleichzeitig hat sich nach Angaben des Kantons die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen seit 2018 verdoppelt. Als weiteren Faktor nennt er gesellschaftliche Entwicklungen, darunter veränderte Erziehungsstile und Wertevorstellungen sowie die Haltung der Eltern gegenüber individueller Unterstützung.
Der passende Rahmen«Immer mehr Kinder benötigen zusätzliche Unterstützung, mehr Zeit und einen Unterricht, der stärker auf ihre individuellen Bedürfnisse ausgerichtet ist», sagt David Sieger, Schulleiter der Besonderen Volksschule des Zentrums Mittengraben ZEMI. Dabei gehe es weniger um ein Entweder-oder zwischen Regel- und besonderer Volksschule, sondern darum, für jedes Kind den passenden Rahmen zu finden, in dem es sich möglichst gut entwickeln könne. Beim ZEMI zeigt sich diese Entwicklung insbesondere durch vermehrte Anmeldungen. Das ZEMI deckt einen spezialisierten Teil des besonderen Volksschulangebots ab. Seine Schule richtet sich an Kinder und Jugendliche mit einer geistigen oder mehrfachen Beeinträchtigung. Ziel sei es, ihnen Möglichkeiten zu geben, ihr Leben möglichst selbstbestimmt zu führen. Wie stark das Angebot gewachsen ist, zeigen die Klassenzahlen: Das Schulhaus an der Mittengrabenstrasse wurde ursprünglich für drei Klassen gebaut. Heute führt das ZEMI acht Klassen mit jeweils sechs bis acht Schülerinnen und Schülern. Künftig rechnet der Kanton mit elf Klassen.
Nah am gewohnten UmfeldFür das östliche Berner Oberland übernimmt die Besondere Volksschule des ZEMI eine regionale Funktion: Sie erfüllt im Auftrag des Kantons einen Bildungsauftrag für 28 Gemeinden und ermöglicht derzeit rund 50 Familien einen Schulplatz für ihr Kind. Der spezialisierte Unterricht erfordert gut ausgebildete Lehr- und Betreuungspersonen. Die regionale Versorgung ist auch aus Sicht des Kantons zentral. Sie ermöglicht Kindern und Jugendlichen, in ihrem gewohnten Umfeld verwurzelt zu bleiben, erleichtert die soziale Integration etwa in Vereinen und Nachbarschaften und verkürzt die Transportwege. Der steigende Bedarf stellt das System jedoch vor weitere Aufgaben. Als Herausforderungen nennt der Kanton insbesondere den Fachkräftemangel in der Heilpädagogik, die regionale Verteilung der Angebote und die Steuerung der Kosten. Festhalten will er am bisherigen Weg: an einer Kombination aus bedarfsgerechten integrativen und separativen Angeboten.
www.bkd.be.ch10. September 2026