Vom mittelalterlichen Zauberer zum biblischen Verräter; vom deutschen Klassiker nun zum fiebrigen Liebesclown in Davos: Der Schauspieler Gunter Heun bringt Thomas Manns Zauberberg ins Kunsthaus Interlaken – als gespielte Lesung. Ein tausendseitiger Roman, sieben Jahre Sanatorium, wenig äussere Handlung – und doch Weltliteratur. Warum? Das erklärt er im Gespräch.
Anzeiger Interlaken: Was haben Sie mit Thomas Mann gemeinsam? Gunter Heun: Er schwebt natürlich drei Kilometer über mir. Aber uns verbindet die Liebe zur Sprache. Thomas Mann hat eine meisterhafte Prosa geschrieben – das bewundere ich sehr. Und ich bewundere seine moralische Haltung in der Nazizeit, seine Klarheit im Exil. Er war politisch eindeutig, unbequem, ein Vorbild. Was seine Bücher betrifft, bin ich schlicht ein Fanboy.
Sie waren hier schon einmal zu Ostern als Judas da, haben Faust interpretiert und sogar Merlin bei der Unspunnenruine gespielt. Wie ist das, jedes Mal als jemand anderes nach Interlaken zu kommen? Es ist immer spannend, jemand ganz anderes zu sein (lacht). Mit Judas oder Faust war das literarische Schwergewicht spürbar. Der «Zauberberg» ist zwar ebenfalls gewichtig, aber er hat eine andere Temperatur. Ich habe gezielt humorvolle, leichtere Stellen gesucht. Das Klischee sagt ja: Thomas Mann ist humorlos. Das stimmt nicht. Es gibt viele wirklich lustige Passagen. Nach so viel Tragik macht mir diese Leichtigkeit Freude.
Warum nehmen Sie sich gerade einen Roman vor, der als schwergewichtig gilt? Weil er auf meiner persönlichen Hitliste ganz oben steht. Der «Zauberberg» ist Weltliteratur – und zugleich voller Anekdoten. Das Sanatorium ist wie eine Bühne: Figuren treten auf, fordern Aufmerksamkeit, verschwinden wieder. Dieses Episodische erlaubt es, lebendige Szenen zu gestalten. Und wenn es gelingt, meine Begeisterung dafür auf das Publikum zu übertragen, dann bin ich total zufrieden.
Im Roman passiert äusserlich wenig: Ein junger Hamburger reist für drei Wochen in ein Davoser Sanatorium – und bleibt sieben Jahre. Wo liegt das Drama? Viele grosse Dramen leben vom Stillstand. Denken Sie an «Hamlet»: Der Mord geschieht am Anfang, und dann wird gezögert. Thomas Mann kann sehr unterhaltsam über Stillstand schreiben. Der «Zauberberg» ist eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich kenne: anrührend, komisch, ärgerlich. Und zugleich philosophisch. Susan Sontag sagte einst: «Als ich das Buch las, verstand ich Europa.»
Sie haben auch Wilhelm Tell gespielt – eine Figur, die in Interlaken durch die Tellspiele stark verankert ist. Haben Sie diese Aufführungen vor der Naturkulisse gesehen? Leider konnte ich die Aufführungen noch nicht besuchen – ein paar Ausschnitte habe ich auf Video gesehen. Ich habe den Tell ja mal selber gespielt und finde, das ist ein gleichermassen schönes wie anspruchsvolles Stück. Auch hier eine tolle Sprache, die man sich aber erobern muss. Ich hatte damals eine relativ schwere Armbrust zu tragen und am Ende der Aufführungen eine Sehnenscheidenentzündung. Sehr heldisch!
Was bedeutet «gespielte Lesung» bei Ihnen konkret? Ich sitze nicht zwei Stunden mit Leselampe und Wasserglas da. Ich habe viele Stunden vorbereitet, aber nicht alles auswendig gelernt. Ich steige heissblütig ein, bewege mich, spiele Szenen an – mit dem Text in der Hand. Es ist energetischer als eine klassische Lesung. Ich will, dass die Szene im Raum entsteht.
Warum lohnt sich der «Zauberberg» heute noch? Weil er von Europa erzählt. Von Demokratie, vom Aushalten anderer Meinungen, vom Ringen um geistige Entwürfe. Das Figurenensemble ist unglaublich vielfältig – ein Abbild unserer Gesellschaft. Und es ist eine Liebesgeschichte. Der Roman zeigt Glanz und Elend des Menschseins. Das macht ihn zeitlos.
Hätte Hans Castorp Interlaken anstatt Davos besucht – Interlaken war früher ebenso Kurort – was wäre aus ihm geworden? Der Roman endet im Ersten Weltkrieg, sein Schicksal bleibt offen. Wäre er in Interlaken gelandet? Vielleicht hätte er hier ebenfalls im Sanatorium gelegen – oder wäre stärker ins lokale Leben eingetaucht. Die Berge hätten ihn aber sicher beeindruckt. Wenn man hier flaniert, könnte durchaus ein Hauch «Zauberberg» mitschwingen – und Hans Castorp wäre dann ein literarischer Geisterbewohner Interlakens.
Was wünschen Sie sich für den Abend im Kunsthaus Interlaken? Dass die Menschen einen hellen, anregenden Abend verbringen. Vielleicht entdecken sie Thomas Mann neu. Seine Sprache ist so ein Genuss, man möchte sich damit einreiben! - Wenn etwas davon überspringt und jemand nach Hause geht und denkt «das lese ich jetzt» – was könnte schöner sein?
Am 14. März, 20.00 Uhr, ist Gunter Heun mit «Der Zauberberg – ein Davoser Liebesrausch» im Kunsthaus Interlaken zu erleben.
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Zum Werk: Thomas Mann veröffentlichte «Der Zauberberg» 1924 im S. Fischer Verlag. Der Roman spielt in einem Lungensanatorium hoch über Davos und gilt als eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Hans Castorp, ein junger Hamburger, der seinen Vetter für drei Wochen besucht – und sieben Jahre bleibt. In der abgeschlossenen Welt des Sanatoriums, geprägt von Liegekuren, Fiebermessen und dem Warten auf Genesung, entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama der europäischen Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. In philosophischen, politischen und moralischen Gesprächen prallen unterschiedliche Weltanschauungen aufeinander. Zugleich ist der «Zauberberg» eine Geschichte über Zeit, Krankheit, Verführung und Liebe – und über die Frage, wie ein Mensch im Ausnahmezustand zu sich selbst findet.
12. März 2026