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Kultur

Interview mit Gabriele Stähli

Steine lesen, mit ihnen in Dialog treten und ihnen eine Form geben, die etwas erzählt: Grabsteine, Kunstobjekte, Sichturnen. Im Gespräch mit der Steinbildhauerin und Präsidentin des Regionalverbands Aare des Schweizer Berufsverbands für Steinbildhauer und Steinmetze (VSBS), Gabriele Stähli aus Bönigen.

Anzeiger Interlaken: Man sagt, Steinbildhauer würden eine Form nicht schaffen, sondern freilegen, was im Material bereits angelegt sei. Wie erleben Sie das? Gabriele Stähli: Wenn mich ein Stein anspricht, sehe ich darin manchmal bereits eine Form oder ein Thema. Das lese ich in seiner Struktur. Zu Beginn untersuche ich jeden Stein auf Risse. Dafür mache ich ihn nass; beim Trocknen werden mögliche Risse sichtbar. Ich kann das aber auch hören, indem ich mit dem Fäustel auf den Stein klopfe.

Welche Rolle spielt die Wahl des Steins? Die Steinsorte muss zu dem passen, was ich darstellen möchte. Kalksteine können sehr unterschiedlich sein und sind doch in der Verar-beitung angenehm. Manchmal hat man es mit einem extrem harten Stein zu tun. Für mein Lavabo zu Hause habe ich einen azurblauen Quarzit aus Brasilien verarbeitet. Beim Fräsen hat es gefunkt und ich brauchte mehrere Schleifblätter. Ich würde es nicht wieder machen. (lacht)

Wie entsteht aus einer Idee schliesslich eine Form im Stein? Von der Skizze bis zur Form im Stein gibt es immer eine Steigerung. Oft zeichne ich direkt mit Kohle auf den Stein. Für die dreidimensionale Darstellung arbeite ich zudem für das Modell mit Ton. Meine wichtigsten Werkzeuge in der Bildhauerei sind Spitzeisen und Fäustel. Am liebsten spitze ich. Die Einschläge nutze ich für die Form und Strukturgebung. Durch immer feineres Schleifen hole ich schliesslich die Farbe des Steins hervor.

Was passiert, wenn ein Schlag falsch sitzt? Bei einer freien künstlerischen Arbeit kann ich entsprechend nachspitzen oder nachbearbeiten. Auch bei einem Grabmal lässt sich meistens etwas korrigieren. Bei einem vorgegebenen Werkstück ist dies nicht mehr möglich.

Sie gestalten seit vielen Jahren Grabmäler. Was soll ein solcher Stein für Sie leisten? Ich sehe ein Grabmal als Denkmal für den jeweiligen Menschen. Nach dem Gespräch mit den Hinterbliebenen entstehen sechs bis neun Skizzen. Wir fragen, was dieser Mensch geliebt hat, nach Hobbys, Blumen oder Tieren. Wir möchten seine schöne Essenz finden. Im Grabmal soll schliesslich etwas von seinem Wesen zum Ausdruck kommen. Dazu beraten wir die Angehörigen und leisten ein Stück Trauerbegleitung.

Die Bestattungskultur verändert sich. Wie kamen Sie auf die Idee der Sicht-urnen? Heute gibt es oftmals kein Grab mehr im eigentlichen Sinn. Dadurch haben wir deutlich weniger Arbeit mit Grabsteinen. Eine befreundete Steinmetzin und ich kamen deshalb auf die Idee der Sichturnen. Dabei wird im Innern des Steins ein Hohlraum gebohrt, der die Asche aufnimmt. Sichturnen lassen sich auch aus Bronze oder Aluminium gestalten und können beispielsweise zu Hause oder an einem anderen persönlichen Ort platziert werden.

Sie arbeiten seit 36 Jahren am Stein. Hat sich Ihr Blick auf das unbearbeitete Material verändert – lesen Sie darin heute schneller etwas als früher? Ich denke schon, dass man durch die vielen Jahre Erfahrung mehr darüber weiss und dadurch mehr sehen kann. Die Bearbeitung bleibt aber immer anspruchsvoll.

Sie zeigten jüngst an der Gruppenausstellung «Unser Schaffen» auch Ihre Sichturnen aus Kalkstein. Die Ausstellung stiess auf viel Resonanz. Hat Sie das überrascht? Ich habe sehr viel Zeit in diese Ausstellung investiert. Umso mehr hat mich die positive Resonanz gefreut.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Berufs? Dass unser Handwerk, eines der ältesten überhaupt, erhalten bleibt. Und dass unser Wissen auch gefragt ist, wenn darüber diskutiert wird, wie es mit unseren Friedhöfen weitergeht. Steinbildhauer und Steinmetze könnten dazu einiges beitragen. Unser Wissen und unser Kunsthandwerk lassen sich nicht einfach durch KI ersetzen.»

www.staehli-natursteine.ch
15. Oktober 2026

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