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Wirtschaft

Interview mit Christian Stähli

Seit 55 Jahren gehört die Basis von Air-Glaciers in Lauterbrunnen zur Bergregion. Basisleiter Christian Stähli über Helikopter, Handwerk, Erfahrung und die Herausforderungen moderner Bergrettung.

Anzeiger Interlaken: Sie sind in Wengen aufgewachsen und heute Basisleiter der Air-Glaciers in Lauterbrunnen. Wie kam es dazu? Christian Stähli: Helikopter haben mich schon als Schuljunge fasziniert. Mit dreizehn machte ich einen Schnuppertag und habe ab da an den Wochenenden auf der Basis den Boden gewischt und mitgeholfen, die Helikopter zu reinigen. Während meiner Lehre zum Polymechaniker bei den Jungfraubahnen konnte ich immer mehr Aufgaben übernehmen, mit 18 war ich Aushilfsflughelfer. Nach der RS war ich zuerst Flughelfer und startete kurz darauf die Ausbildung zum Helikoptermechaniker. Seit 2021 bin ich GL-Mitglied der Air-Glaciers und leite die Standorte der Deutschschweiz.

Wie haben sich Technik und Arbeitsalltag verändert? Das Handwerk ist weitgehend gleichgeblieben, sowohl technisch als auch im Flugbetrieb. Verändert haben sich die gesetzlichen Vorgaben, die Digitalisierung und der administrative Aufwand. Heute muss jeder Arbeitsschritt dokumentiert und visiert werden. Als Faustregel gilt: Auf eine Stunde Arbeit am Helikopter kommen rund drei Stunden Administration. Digitale Lösungen wie die «BaseApp» vereinfachen die Koordination von Basejumps und entlasten die Einsatzleitung. Davor mussten an Spitzentagen über 200 Telefonanrufe koordiniert werden – zwischen Helikopter, Flughelfern, Einsatzleitung und Basejumpern. Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt für uns der persönliche Kontakt zentral. Bei Helikoptermechanikern spüren wir zudem den Nachwuchsmangel, da es schweizweit nur wenige Ausbildungsplätze gibt.

Gibt es Situationen, in denen Erfahrung wichtiger ist als Technik? Erfahrung ist unser wichtigstes Gut. Es braucht viele Jahre, um die mögliche Bandbreite an Situationen erlebt zu haben. Jeder Auftrag ist ein Flug von A nach B, und doch gleicht keiner dem anderen.

Welche Einflüsse sind spürbar? Es ist ein Mix: Das Wetter hat sich verändert, der Tourismus ist sehr stark in unserer Region, und das Verhalten der Menschen ist anders geworden. Fakt ist: Mit dem Handy kann von fast überall ein Notruf abgesetzt werden. Dadurch wird eine Tour vielleicht weniger gut vorbereitet – bezüglich Wetter oder eigener Fähigkeiten. Mit der Zahl der Touristen haben bei uns die Einsätze im Sommer zugenommen. Wir urteilen jedoch nicht. Wenn wir alarmiert werden, tun wir unser Möglichstes, um Hilfe vor Ort zu leisten.

Welche Bedeutung hat Lauterbrunnen für eine Helikopterbasis? Lauterbrunnen ist Standort für schnelle medizinische Versorgung rund um die Uhr, Umschlagsort für Lastentransporte und Arbeitgeber für 25 spezialisierte Mitarbeitende. Zudem besteht die Basis seit 55 Jahren in einer weltweit einzigartigen Topografie – auch mit Blick auf die autofreien Orte der Gemeinde Lauterbrunnen.

Hat der Erwartungsdruck zugenommen? In der Schweiz haben wir das grosse Glück schneller Rettung und permanenter Verfügbarkeit. Trotz des hohen Niveaus gibt es Limiten, welche die Crew situativ beurteilen muss. Wir versuchen das Menschenmögliche, dürfen aber die eigene Sicherheit nie vernachlässigen. Das führt manchmal zu Unverständnis und erbosten Rückmeldungen.

Welche Einsätze bleiben Ihnen besonders in Erinnerung? Die mit Happy-End, aber auch Grossereignisse wie Crans Montana. Solche Einsätze fordern emotional viel und werden im Team besprochen. Wir haben in all den Jahren viele Schicksale nah miterlebt, auch tragische. Solche Einsätze beschäftigen uns nicht täglich, werden bei ähnlichen Situationen aber wieder präsent. Wenn Verunfallte oder Angehörige nach einer geglückten Rettung die Basis besuchen, freut uns das immer.

www.air-glaciers.ch
09. Juli 2026

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