Der Verein Interlaken Classics hat einen neuen Präsidenten. Er erzählt im Interview, wieso er das Amt angenommen hat, welche Erfahrungen er mitbringt und was ihm Musik persönlich bedeutet. Er wagt einen Blick in die Zukunft, definiert Schwerpunkte und spricht auch das Thema Finanzen an.
Anzeiger Interlaken: Sie sind selbst aktiver Musiker. Wie verändert diese Perspektive Ihren Blick auf ein Klassikfestival wie die Interlaken Classics? Beat Günther: Musik ist mein halbes Leben. Mich fasziniert die Spannweite verschiedener Epochen und Stilrichtungen, das Verbinden, Kombinieren, Suchen und Finden. Im Zentrum stehen für mich die Werke grosser Komponisten aus Barock, Klassik, Romantik und Moderne.
Was bedeutet das konkret für das Festival Interlaken Classics? Wir bringen zeitlose Meisterwerke auf die Bühne, die seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Generationen von Musikliebhabern berühren. Unser Ziel ist es, sowohl ein erfahrenes Fachpublikum als auch junge, neugierige Zuhörerinnen und Zuhörer anzusprechen. Mit Projekten wie «Klassik entdecken» möchten wir bewusst neue Zugänge schaffen und Schwellen abbauen.
Was bedeutet Ihnen persönlich klassische Musik? Gibt es ein Werk, das Sie besonders geprägt hat? Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, sie begleitet mich seit meiner Jugend. Besonders berührt mich «Bilder einer Ausstellung» von Modest Moussorgsky, sowohl die ursprüngliche Klavierfassung (1874) als auch die spätere Orchesterfassung (1922). Spannend finde ich auch, dass Emerson, Lake & Palmer daraus 1971 eine Pop-Version gemacht haben.
Die Interlaken Classics vereinen internationale Weltstars und junge Talente. Wo möchten Sie künftig Schwerpunkte setzen? Seit vielen Jahren stehen zwei Leitgedanken im Zentrum: die Förderung junger Talente und die Begeisterung eines breiten Publikums für klassische Musik. Tradition wird dabei nicht nur bewahrt, sondern auch weiterentwickelt. Die emotionale Kraft grosser Komponisten soll für ein vielfältiges Publikum erlebbar werden – von der erfahrene Klassikliebhaberin bis zum neugierigen Erstbesucher.
Wie wichtig ist Ihnen die regionale Verankerung im östlichen Berner Oberland? Kulturell liegen wir – überspitzt gesagt – etwas abseits der grossen Zentren wie Luzern, Zürich, Bern, Genf oder Basel. Gerade deshalb ist das Festival ein wichtiger Höhepunkt im regionalen Kulturleben. Rund 60 Prozent der Besucherinnen und Besucher stammen aus dem Berner Oberland, etwa 30 Prozent aus der Jungfrau Region. Dank der hohen Qualität hat das Festival in der Region einen sehr hohen Stellenwert.
Die Nachwuchsförderung ist ein zentrales Element, etwa mit Meisterkursen oder Kinderkonzerten. Welche Rolle spielt diese Arbeit für die Zukunft des Festivals? Wir glauben an die Kraft junger Talente. Mit einem konsequenten Förderkonzept – etwa Orchesterresidenzen, Meisterkursen und dem renommierten Prix du Piano – bauen wir Brücken zwischen Ausbildung, Karriere und Publikum. Diese Nachwuchsarbeit gehört zu den besonderen Stärken unseres Festivals.
Ein Festival zu führen bedeutet auch wirtschaftlich zu denken. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen in den kommenden Jahren? Nach dem Wegfall zweier Hauptsponsoren gerieten wir nach 2019 finanziell unter Druck. Zusätzlich mussten wir das Festival 2020 wegen der Corona-Pandemie kurzfristig absagen. Dank intensiver Sponsorensuche sowie Beiträgen von Kanton, Gemeinden und Regionalkonferenz konnten wir die Lage wieder stabilisieren. Sponsoring bleibt aber auch künftig eine zentrale Aufgabe. Unsere Konzerte sind gut besucht und die Eintrittspreise bleiben im Vergleich zu den grossen Zentren moderat.
Was wünschen Sie sich, wenn die 66. Interlaken Classics im April zu Ende gehen? Ich hoffe, dass wir mit Freude und Genugtuung auf ein erfolgreiches Festival zurückblicken können – mit zufriedenen Besucherinnen und Besuchern und guten Konzertzahlen.
Wie geht es danach weiter? Mit der Planung der 67. Ausgabe haben wir bereits begonnen. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht die Arbeit nahtlos weiter. Für eine nachhaltige Planung sind wir auf verlässliche Partner angewiesen. Unser Dank gilt Mitgliedern, Gönnern, Sponsoren und der öffentlichen Hand. Ohne sie wäre das Festival nicht möglich.
Und ganz persönlich: Wo hören Sie Musik lieber, im Konzertsaal oder auf der Bühne? Beides. Ich höre sehr gerne Musik, spiele aber auch selbst mit grosser Freude. Neben klassischer Musik mag ich auch verschiedene Jazzstile. Die klassische Musik bleibt jedoch ein zentraler Teil unseres kulturellen Erbes. Mit unserer Band Why spielen wir ebenfalls Pop- und Rock-Evergreens, nicht perfekt, aber mit viel Engagement und Leidenschaft.
www.interlaken-classics.ch
Zur Person: Beat Günther ist neuer Präsident von Interlaken Classics. Durch seine langjährige Tätigkeit in Führungsfunktionen der Drogerie-Gruppierung Dropa verfügt er über umfassende Managementerfahrung. Viele Jahre leitete er zudem die Höhere Fachschule für Drogistinnen und Drogisten in Neuchâtel. Eine Weiterbildung an der Universität St. Gallen (CAS für Verwaltungsräte) vertiefte seine strategischen Führungskompetenzen. Seit 2018 ist er Mitglied im Vorstand des Vereins Interlaken Classics. Musikalisch engagiert er sich zudem in der Band Why, die seit 1972 – mit Wiederbelebung ab 1994 – bei verschiedenen Anlässen auftritt.
26. März 2026