Viele Jahre war er als Wildhüter im Berner Oberland unterwegs. Die Kamera begleitet ihn seit seiner Jugend. Heute nimmt für den Pensionierten das Fotografieren mehr Raum ein. Vieles hat sich verändert, der Blick nicht. In der Natur, sagt er, geht es vor allem ums Wahrnehmen.
Anzeiger Interlaken: Sie waren 38 Jahre lang Wildhüter – was sehen Sie heute mit der Kamera anders als damals im Beruf? Christian Siegenthaler: Als Wildhüter hatte ich einen klaren Auftrag: Zählungen, Jagdplanung, Krankheiten erkennen. Mein Aufsichtsgebiet lag südlich vom Brienzersee und reichte bis Grindelwald und in das Rychenbachtal. Mein Blick war funktional geschult. Die Fotografie begleitet mich seit meiner Jugend. Anfangs habe ich Blumen, Schmetterlinge oder Steinböcke fotografiert, immer Natur. Heute ist mein Blick freier. Ich nehme mir mehr Zeit.
Gibt es Momente, die Ihnen besonders geblieben sind? Es gibt unzählige. Es kann ein kleines Insekt sein, das ich lange gesucht habe, oder ein grosser Hirsch, den ich nicht erwartet habe. Beides kann gleich bedeutend sein. Es sind oft unspektakuläre Momente, die mir in Erinnerung bleiben. Ich arbeite auch mit Wildkameras in der Nähe meines Hauses und sehe, wie schnell sich die Natur verändert. Viele Arten verschwinden oft unbemerkt.
Sie sind seit einiger Zeit auf der Pirsch nach einem bestimmten Schmetterling? Ja, seit drei Jahren. Es ist einer der seltensten Schmetterlinge der Alpen, der Wehrlis Gletscherspanner. Seine Raupen und Eier habe ich schon gesehen – das Tier selbst noch nie.
Sie sprechen von «Hotspots». Wie finden Sie solche Plätze? Es gibt Orte, an die ich immer wieder zurückkehre. Wenn ich Naturführungen mache, gehe ich gezielt dahin, wo ich weiss, hier gibt es etwas zu beobachten. Den Steinschmätzer zum Beispiel habe ich eher zufällig entdeckt. Seit ich seinen Brutort kenne, schaue ich dort regelmässig vorbei.
Ihre Texte wirken ruhig und genau beobachtend. Ist das eine Verlängerung Ihrer fotografischen Arbeit? Ein Bild kann viel zeigen, aber nicht alles. Komplexe Abläufe oder Zusammenhänge lassen sich zumeist nur schwer oder gar nicht fotografieren. Der Text ergänzt bestenfalls das Bild.
Woran erkennen Sie, dass ein Bild stimmt? Ein Bild kann auf verschiedene Arten gut sein – es kann schön sein, informativ oder eine Stimmung transportieren. Wichtig ist mir, dass es auch technisch stimmt. Der Blickwinkel ist entscheidend. Das perfekte Bild gibt es für mich kaum, andernfalls hätte ich als Fotograf ja schon fast aufgegeben. (lacht)
Sie haben alle Steinwildarten der Welt fotografiert. Was hat Sie daran gereizt? Ich war der Erste, der als einzelner Fotograf alle Arten im Bild festgehalten hat. Das war vor allem ein organisatorisches Unterfangen. Die Idee kam 2006, zum 100-Jahr-Jubiläum der Wiedereinbürgerung des Steinwilds in der Schweiz. Heute wäre es aufgrund von Unsicherheiten und Krieg nicht mehr realisierbar.
Viele Menschen erleben die Natur heute eher im Vorbeigehen. Was entgeht einem dabei? Wer nur auf Zeit und Leistung schaut, nimmt vieles nicht mehr wahr. Unterwegs sieht man oft Leute, die die Natur wie ein Sportgerät benutzen. So entgeht ihnen vieles – auch die Blume am Wegrand.
Wie arbeiten Sie auf Ihren Streifzügen, und woran arbeiten Sie aktuell? Ich gehe mit Kamera, Notizblock und Stift hinaus. Zwei oder drei Sätze halte ich zum Bild vor Ort fest. Im Moment arbeite ich intensiv an verschiedenen Themen, unter anderem zur Arve. Dabei geht es um Genetik, Verbreitung und Veränderungen im Lebensraum dieses typischen Baumes der Alpen.
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Zur Person: Christian Siegenthaler (1955) wuchs im Emmental auf und lebt heute in Gsteigwiler. Viele Jahre war er als Wildhüter im Kanton Bern tätig. Die Natur begleitet ihn seit jeher – ebenso die Kamera, mit der er ihre Ästhetik und Kraft festhält. Auch nach seiner Pensionierung sucht er gezielt Beobachtungsorte auf und gibt Einblicke in eine oft übersehene Welt. Seine Arbeiten führten ihn weltweit in die Berge; als erster Fotograf dokumentierte er alle Steinwildarten. Heute hält er zudem Vorträge, bietet Naturführungen an und publiziert in Fachzeitschriften wie «Die Alpen» oder «Jagd & Natur».
14. Mai 2026