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Kultur

Interview mit Urs Häberli

Für die Tellspiele Interlaken hat der Regisseur Urs Häberli einen Schweizer Nationalmythos umgesetzt. Im Gespräch erklärt er, weshalb für ihn ein Einzelgänger kein Volksheld ist, warum Gertrud Stauffacher politisch interessanter wird und wie das Publikum auf seine Interpretation reagiert.

Sie haben sich heuer Wilhelm Tell vorgenommen. Ein Risiko? Urs Häberli: Jeder kennt Tell oder glaubt zumindest, ihn zu kennen. Apfelschuss, Rütlischwur, hohle Gasse – diese Bilder sind tief verankert. Gerade deshalb finde ich es spannend, genauer hinzuschauen. Theater muss für mich nicht bestätigen, was wir ohnehin schon wissen. Es darf Fragen stellen.

Ihre zentrale Frage lautet: Ist Tell tatsächlich der grosse Schweizer Volksheld? Genau. Wenn man Schiller genau liest, merkt man nämlich: Tell steht erstaunlich oft abseits. Er ist nicht auf dem Rütli, er organisiert den Widerstand nicht, und er will sich zunächst auch gar nicht daran beteiligen. Sinngemäss sagt er: Wenn ihr mich braucht, dann ruft mich. Aber eigentlich möchte er seine Ruhe haben. Das entspricht nicht unbedingt dem Bild eines Anführers.

Sie machen aus unserem Nationalhelden also einen Eigenbrötler? Ein wenig. Und genau dort verändert sich etwas. Danach geht es für Tell nicht mehr um eine abstrakte Befreiung der damaligen Schweiz. Gessler hat sein Kind und damit seine Familie bedroht. Aus Widerstand wird eine ganz persönliche Angelegenheit. Die Frage lautet plötzlich: Sucht Tell Gerechtigkeit – oder Rache? Genau diese Ambivalenz finde ich spannend.

Damit bekommt auch der berühmte Schuss in der Hohlen Gasse einen anderen Beigeschmack? Ja. Wir dürfen uns schon fragen, was es bedeutet, einen Menschen aus dem Hinterhalt zu töten, selbst wenn dieser Mensch ein Tyrann ist. Schiller macht es sich an dieser Stelle ebenfalls nicht einfach. Theater sollte solche Widersprüche nicht glattbügeln.

Während Tell eher am Rand des politischen Widerstands steht, rückt bei Ihnen eine Frau ins Zentrum: Gertrud Stauffacher. Sie ist es, die ihren Mann zum Handeln bewegt. Sie erkennt: So kann es nicht weitergehen. Damit gibt sie einen entscheidenden Impuls. Mich hat interessiert, diesen Gedanken ernst zu nehmen. Die Geschichte der Freiheit wird häufig als Geschichte grosser Männer erzählt. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wer eigentlich Dinge in Bewegung setzt.

Sie haben gleichzeitig die bekannten Bilder nicht abgeschafft. Apfelschuss, Rütli, Pferde, grosse Massenszenen – alles ist noch da. Diese Bilder gehören zum Tell und sie gehören zu den Tellspielen Interlaken. Gerade diese Freilichtbühne lebt von ihrer Dimension, den vielen Mitwirkenden, den Tieren, der Landschaft und den grossen Szenen. Die Frage ist nicht, ob man das abschafft. Die Frage ist, was man heute damit erzählt.

Wie hat das Publikum auf Ihren etwas weniger heroischen Tell reagiert? Bei einem Stoff wie Tell hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf. Manche kommen gerade wegen der Tradition, andere möchten überrascht werden. Wenn nach einer Vorstellung diskutiert wird, wenn Menschen unterschiedliche Ansichten über Tell, Gessler oder die Stauffacherin haben, dann freut mich das. Theater muss nicht dafür sorgen, dass am Ende alle derselben Meinung sind.

www.tellspiele.ch



Zur Person: Urs Häberli ist seit über 30 Jahren als Regisseur, Theaterleiter und Produzent tätig. Er inszeniert Schauspiel, Musiktheater und Musical. Stationen führten ihn unter anderem nach Biel, Passau, Braunschweig, Frankfurt, Kaiserslau--
tern, Bochum, Tel Aviv und Nantes. Heute arbeitet Häberli freischaffend. Im Zentrum seiner Arbeit steht für ihn das Erzählen von Geschichten, die berühren und zum Nachdenken anregen.
20. August 2026

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