Bild: zvg
Kultur

Interview mit Patricia Murawski

Sie malt auch mit ihren Haaren. Beim «Bangpainting» treffen Farbe, Bewegung und Körper aufeinander. Die Künstlerin spricht über Inspiration und Schwung, den Reiz des Unberechenbaren und darüber, warum es bei ihrer Kunstform keine zweite Chance gibt.

Wie geht es eigentlich Ihren Haaren? Patricia Murawski: Nach dem Malen? Manchmal traurig und grau (lacht). Ich wasche sie eine halbe Stunde lang: Shampoo, Spülung, anderes Shampoo, wieder Spülung. Tage später kommt manchmal noch Farbe raus.

Das klingt, als wären Ihre Haare weniger begeistert als Sie. Zum Glück unterstützt mich meine Coiffeuse. Sie weiss: nicht zu viel abschneiden, aber genug, damit die Kraft bleibt.

Und wie entdeckt man, dass sich Haare überhaupt als Pinsel eignen? Durch einen Scherz. Für meine Abschlussarbeit in Kommunikationsdesign hatte ich 2010 ein Brainstorming mit meinem Cousin und seiner Frau. Ich war damals oft in einer Rockdisco und sagte irgendwann flapsig: «Headbangen». Danach kamen unzählige verrückte Ideen.

Dann gings los … Sofort. Ich bin eben Malerin im Herzen. Für mich war klar: Wenn ich wissen will, was Headbangen auf Papier macht, muss ich meine Haare als Pinsel einsetzen.

Wie gings weiter? 2020 hatte ich plötzlich viel Zeit für meine Projekte. Ich machte auf Instagram eine Umfrage, und viele fanden, ich solle meine farbige Malerei mit dem Bangpainting verbinden. Das war die Geburtsstunde der Form, in der ich heute arbeite.

Dann haben Sie beim ersten Schwung aber ein Problem: Die Farbe fliegt – und zurücknehmen lässt sich nichts mehr. Nein, keine zweite Chance. Bevor ich male, muss der Kopf leer sein, fast wie in einem meditativen Flow. Dann entsteht ein Dialog mit der Leinwand und ich bekomme den Impuls für eine Bewegung.

Für jemanden, der gerne alles unter Kontrolle hat, vermutlich die falsche Maltechnik. Nicht ganz. Ich kann erstaunlich gut zielen. Bei einem Fernsehdreh sollte ich neben eine GoPro und einmal genau darauf malen. Ich habe getroffen (lacht). Winkel, Schwung und Farbmenge lassen sich steuern. Nur was die letzten Haarspitzen tun, bleibt frei.

Freiheit ist ohnehin ein Wort, das bei Ihrer Kunst immer wieder auftaucht. Ja. Für mich bedeutet Freiheit, sich zu zeigen und den eigenen Weg zu gehen. In der Malerei kann ich das unmittelbar erleben. Man entscheidet sich, etwas zu tun – und muss dann auch akzeptieren, was daraus entsteht.

Das Zufällige bekommt also seinen eigenen Auftritt? Genau. Seither verbinde ich meine farbige Malerei mit den schwarzen Linien des Bangpaintings. Die Farbe schafft Räume, die Haare bringen Bewegung hinein.

Wer inspiriert Sie? Ganz stark Helen Frankenthaler. Durch sie habe ich begonnen, Farbe zu giessen und in die Leinwand einsickern zu lassen. Die Farben werden zu Lichtfeldern und bahnen sich ihren Weg.

Und dann kommt der Betrachter und sieht einen Pinguin. Genau (lacht)! Der eine sieht ein Gesicht, der andere einen Pinguin. Jeder bringt etwas Eigenes mit. Das finde ich schön – ich muss niemandem vorschreiben, was er sehen soll.

Was möchten Sie den Menschen mit Ihren Bildern mitgeben? Dass sie sich ihrer eigenen Möglichkeiten bewusst werden. Ich sage immer: Wir sind keine Bäume, wir dürfen unseren Platz wechseln. Ein Bild kann im Alltag an Selbstliebe, Akzeptanz, Mut oder Freude erinnern.

Sie wollen also nicht die Welt erklären? Nein. Ich möchte inspirieren. Und Schönheit in die Welt bringen.

Die Ausstellung «Haare statt Pinsel» ist bis Ende Jahr bei der Physiotherapie Reitmeier, Hauptstrasse 51, Brienz, zu sehen.

www.bangpainting.com



Zur Person
– Patricia Murawski stammt aus Duisburg im Ruhrgebiet. Nach dem Studium in Kommunikationsdesign kam sie 2013 für den Master of Fine Arts nach Basel und blieb in der Schweiz. 2023 arbeitete sie eine Saison in Mürren, lernte dort ihren Partner kennen und zog nach Brienz. Bangpainting entwickelt sie seit 2010; seit 2020 verbindet sie die Haarmalerei mit farbigen Bild-flächen. Heute lebt und arbeitet sie in Brienz.
03. September 2026

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