Zwischen öffentlichem und privatem Raum: Der Rugen wird zum Schauplatz von San Kellers lyrischer Kartografie. (Bild: Barbara Marty)
Am Samstag, 17. Oktober, wird der Rugen mit RUGEN BRÄU zur lyrischen Kartografie. Künstler San Keller bringt Menschen, Lyrik und Landschaft zusammen – was daraus entsteht, bleibt offen.
Treffpunkt für das Gespräch ist die Bar des Waldhotels Unspunnen. Von hier geht es mit San Keller hinauf in den Rugen, dorthin, wo am 17. Oktober seine «lyrische Kartografie» entsteht. Das Waldhotel wird zum Dreh- und Angelpunkt. Während rund um den Rugen Lesende mit ihren Autos ihren Platz finden, bleibt Keller im Hotel: Er empfängt Besuchende und führt Gespräche. Wer loszieht, bekommt keine Route mit auf den Weg. Ein Konzept wie RUGEN BRÄU entstehe aus unterschiedlichen Ansätzen, erklärt Keller. «Wie bei einer Suppe gibt es verschiedene Zutaten, die dazu führen, dass sich so etwas bildet.» Eine davon findet er im Sommer 2026. Während eines Wohnungswechsels in Zürich verbringt er häufiger Zeit bei seinen Eltern in Interlaken und geht im Rugen spazieren. Dabei fallen ihm Menschen in parkierten Autos auf, Handwerker etwa in der Mittagspause. Keller beginnt zu fotografieren, als eine Art Notizbuch. Das parkierte Auto interessiert ihn als Zwischenraum: Es steht im öffentlichen Raum, sein Inneres aber gehört zum Privaten. Die Scheiben spiegeln die Umgebung und geben zugleich den Blick ins Innere frei. Das Auto werde zur Hülle, zur Erweiterung des Menschen und zum Schutz. Was geschieht, fragt sich Keller, wenn in diesem halb öffentlichen, halb privaten Raum jemand sitzt und Lyrik liest?
Verdichtung im GedichtKeller bezeichnet sich selbst nicht als grossen Lyrikleser. Was ihn an der Lyrik interessiert, ist die Verdichtung: «Etwas in eine Form bringen, nicht ausformulieren, Raum lassen.» Für RUGEN BRÄU hat er Menschen eingeladen, die regelmässig Lyrik lesen. Sie bringen Bücher mit, die ihnen etwas bedeuten. Welche Texte sie auswählen, überlässt er ihnen. Diese Offenheit gehört zu seiner Arbeitsweise. Einmal habe jemand zu ihm gesagt: «San, das Schöne an deinen Projekten ist: Man kann damit einfach nicht scheitern.» Keller setzt einen Rahmen, bestimmt aber nicht, was darin geschehen muss. «Ich könnte kontrollieren, doch ich will nicht.» Der Rundgang wird zur Tour d’horizon durch einen Ort, in dem sich persönliche Erinnerungen, Geschichte und Landschaft überlagern.
Berge verbergenWarum der Rugen? Keller bezeichnet ihn als einen ganz normalen Wald, «fast wie jeder Wald im Mittelland, nur irgendwie verdichteter». Rund um den Rugen überlagern sich Bilder und Geschichten: das weltweit bekannte Panorama von Eiger, Mönch und Jungfrau, Unspunnen und die Tellspiele, aber auch Autobahn, Militär und Wasserreservoir. Dazu kommen Spuren der Geschichte und Kellers eigener Bezug zur Region. Seine Eltern leben heute in Interlaken, wo bereits seine Grosseltern väterlicherseits zu Hause waren. Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hätten in seiner Familie bis in seine Kindheit nachgewirkt. Keller spricht von der General-Guisan-Strasse und von Bunkern, die als Chalets getarnt wurden. Hier liege etwas von diesem Bergen und Verbergen. Und schon ist er wieder bei der Sprache: beim Wort und beim Ort, bei Orten für Worte. «Im Ort das Wort finden, suchen, entdecken.»
Kartografie der LyrikAm 17. Oktober werden voraussichtlich sechs bis acht Fahrzeuge während sieben Stunden rund um den Rugen stehen. Darin sitzen die Lesenden mit ihren Büchern. Wo sie parkieren, entscheiden sie selbst. Die Fahrzeuge sind nicht als Teil von RUGEN BRÄU gekennzeichnet. «Keine Route», heisst es im Flyer. Wer sich auf den Weg macht, entdeckt die Lesenden. Auch wie eine Begegnung abläuft, ist offen. Vielleicht öffnet sich das Fenster nur einen Spalt oder die Tür ganz, vielleicht wird jemand ins Auto gebeten. Gastgeber und Gast finden selber heraus, wie weit sie aufeinander zugehen wollen. Keller bringt die einfachste Möglichkeit auf ein Bild: «Das Fenster öffnet sich, das Gedicht kommt aus dem Fenster.» Alles Weitere überlässt er der Situation und den Menschen.
www.sankeller.ch01. Oktober 2026