Während 341 Tagen Seite an Seite oder im Windschatten des anderen: Nicolas Jud und Smilla Berger unterwegs von Wilderswil bis nach Australien. (Bild: zvg)
Sport

In 341 Tagen bis ans andere Ende der Welt

Nicolas und Smilla haben es getan: Vor rund zwei Jahren sind sie von Wilderswil bis nach Byron Bay in Australien geradelt. Rund 12’600 Kilometer legten sie aus eigener Muskelkraft zurück. Eine solche Reise verändert den Blick auf die Welt. Davon erzählen sie.

Entfernungen haben für Nicolas Jud und Smilla Berger eine neue Bedeutung erhalten. Eine Velofahrt von Wilderswil nach Bern fühlte sich früher weit an. Heute schauen sie auf die Landkarte und denken: «Ach, die 50 Kilometer fahren wir doch schnell vor dem Zmittag.» Die Reise lehrte sie, wie weit der eigene Körper mit genügend Kalorien und Pausen kommen kann. Die Welt im Schneckentempo zu erleben, sei das grösste Geschenk gewesen. Für einen kurzen Weg zum Bäcker würden sie heute jedenfalls kaum mehr selbst­verständlich das Auto nehmen.

Mit der Seele im Gleichschritt
Das langsame Reisen hat ihren Blick auf die Welt verändert. «Wir nennen es den Seelen-Lag», erzählen die beiden. Während ein Flugzeug den Körper innert Stunden ans andere Ende der Welt bringe, brauche der Geist oft Tage,
um überhaupt anzukommen. Auf dem Velo reise die Seele im gleichen Tempo wie die Pedale. Kulturen, Landschaften und Sprachen fliessen inei­nander über. Man riecht das Land, spürt den Asphalt und den Wind. Ein Flugzeug bringt einen an einen Ort. Das Velo lässt einen den Weg dorthin erleben. Ihr ganzes Leben passte in vier Fahrradtaschen. Wer etwas Neues kaufte, musste sich von anderem trennen. Jedes zusätz­liche Gramm machte sich am nächsten Pass bemerkbar. Statussymbole und Gadgets verloren an Bedeutung. Dagegen wurden wichtig: Funktioniert der Reissverschluss am Zelt noch? Gibt es auf den nächsten Kilometern irgendwo Schatten? Und wartet am Abend eine warme Dusche? Besonders in Erinnerung geblieben sind ihnen zwei Erlebnisse: die Wüste im Oman mit Temperaturen von über 40 Grad, endloser Weite und einer Stille unter dem Sternenhimmel, die sie mental vollkommen herunterholte. Nicht minder eindrücklich war Kurdistan im Irak: mit vielen Vorurteilen seien sie eingereist und von einer überwältigenden Gastfreundschaft überrascht worden. Wildfremde Menschen hätten sie nach Hause eingeladen, sich in traditionelle Trachten gekleidet und sie bekocht, als gehörten sie zur Familie. «Wenn du hier im Berner Oberland unangemeldet jemandem in die Stube läufst, ruft man wohl die Polizei. Dort öffnet man das Herz und den Kühlschrank.» Diese Begegnungen hätten ihre Sicht auf die Menschheit zum Positiven verändert. Die Rückkehr in die Schweiz fühlte sich zunächst fremd an. Morgens nicht mehr das Zelt zusammenpacken zu müssen, sei seltsam gewesen. Viele Selbstverständlichkeiten schätzen sie heute neu. Trinkwasser aus dem Wasserhahn erscheint ­ihnen sogar als Luxus. Ebenso die Stille im Berner Oberland. Stillstehen möchten Nicolas und Smilla aber nicht. Zwar sind sie wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, und das Velo begleitet sie nach wie vor. Ein klassischer Strandurlaub kommt für sie weniger infrage. «Wir brauchen die Bewegung und das Gefühl, uns den Weg selbst erarbeitet zu haben.» Im Herbst berichten sie an einem kostenlosen Reisevortrag von ihren Erlebnissen. Der Termin sowie weitere Projekte veröffentlichen sie über ihren Instagram-Kanal @project.nostra.via. Das grösste Projekt wartet bereits: Nach 341 Tagen auf engstem Raum im Zelt bei Hitze, Pannen und Gegenwind steht die Hochzeit bevor. Der Heiratsantrag am Leuchtturm von Byron Bay war das Ziel ihrer Reise – die Hochzeit wird der Start in das nächste gemeinsame Abenteuer.
23. Juli 2026

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