Bild: zvg

Interview mit Elisabeth Kohler

Wenn Elisabeth Kohler-von Siebenthal an Türen klingelt, bringt sie mehr mit als Pflege. Die in Unterseen lebende Pflegefachfrau arbeitet seit über 40 Jahren im Beruf, heute als Wundexpertin bei der Spitex Interlaken und Umgebung. Sie kennt die Menschen und ihre Geschichten. Ihre Kolumnenreihe «Der wunde Punkt» ist nun als Buch erschienen.

Anzeiger Interlaken: Frau Kohler, Sie sind für Ihre Arbeit viel unterwegs. Welche Orte oder Wege bleiben Ihnen besonders in Erinnerung? Elisabeth Kohler: Der Weg ist für mich Vor- und Nachbereitungszeit zugleich. Ich fahre gern durch die Dörfer und geniesse die Landschaft. In Erinnerung bleiben abgelegene Häuser mit grandioser Aussicht ebenso wie einfache Wohnungen. Auf dem Bödeli begegne ich Schönem, Speziellem und auch weniger Schönem. Unser Einzugsgebiet überrascht mich immer wieder mit versteckten Juwelen, mit Einfamilienhäusern an bester Lage. Die Orte sind für mich untrennbar mit den Menschen verbunden. Mitunter weiss ich beim Vorbeifahren, wie es hinter den Fassaden aussieht – und denke auch an das Leid, das sich da und dort verbirgt. Unterwegs zu sein bedeutet mir viel. Für mich ist das Berner Oberland der schönste Arbeitsplatz überhaupt.

Ein Hausbesuch beginnt lange bevor Sie da sind. Was sagt Ihnen der Weg zu einem Haus manchmal schon über die Menschen, die dort leben? Der Weg verrät häufig schon viel: Zufahrten, Wege, Vorplätze, Gärten oder die Parkplatzsuche im Zentrum. Häufig findet selbst das GPS meine Klientinnen und Klienten nicht. Und was mich immer wieder überrascht: Aussen wirkt es heil, innen zeigt sich dann das Gegenteil, oder umgekehrt. Ich sehe gern, wie Menschen ihre Wohn- und Gartenoasen gestalten, und bewundere ihre Kreativität.

Viele Ihrer Hausbesuche drehen sich nicht nur um medizinische Wunden, sondern auch um menschliche. Was haben Sie über diese wunden Punkte gelernt? Dass wir sie alle haben, oft verborgen, legen wir ungern den Finger darauf. Sie können heilen, doch ihre Narben bleiben. Körperliche Wunden sind häufig nur ein Ausdruck davon: Der Schutz der Haut ist durchbrochen, Empfindliches liegt offen. Wunde Punkte machen uns menschlich.

Was sollten die Menschen auf dem Bödeli besser verstehen? Unsere Arbeit ­ermöglicht es vielen, selbstbestimmt zu Hause zu leben, das ist zentral. Gleichzeitig ist sie komplex: Einsätze lassen sich nicht immer planen wie gewünscht, Verspätungen passieren, und es kommt nicht immer dieselbe Person. Die Planung ist täglich im Wandel: je nach Bedarf, Wegen und Fachkompetenz. Kurzfristige Änderungen erschweren sie zusätzlich. Zudem ist unser Einzugsgebiet weitläufig. Spitex bedeutet hoch qualifizierte Pflege, weit über die Wundver­sorgung hinaus. Ich denke etwa auch an die Palliativpflege, die ­Diabetesberatung, die Psychiatrie und die Demenzpflege.

Ihre Kolumnen zeigen ernste, aber auch überraschend komische Situationen. Welche Rolle spielt Humor im Pflegealltag? Humor ist immer wieder Türöffner und verbindet. Menschen schätzen die Fröhlichkeit, die wir ins Haus bringen – auch das Lachen über sich selbst. Für uns ist Humor zudem eine wichtige Bewältigungsstrategie; ohne Galgenhumor wäre vieles kaum zu ertragen. Und nicht zuletzt entsteht daraus die Situationskomik, die meine Geschichten prägt.

Wann entstand der Wunsch, Ihre Geschichten aufzuschreiben? Fort­setzung? Als Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Wundbehandlung suchten wir nach mehr Aufmerksamkeit für unsere Homepage. Kolleginnen und Kollegen hatten mich schon länger ermutigt zu schreiben, also habe ich schliesslich damit begonnen. Der Rest ergab sich fast von selbst. Wie lange ich weitermache, weiss ich nicht. Ideen hätte ich viele, auch für ein weiteres Buch. Im Moment steht jedoch das erste im Fokus. Einen ersten Hype möchte ich nicht überschätzen – eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Das Leben hat mich gelehrt, dass es kommt, wie es kommt.

Welche Begegnung ist Ihnen besonders geblieben? Es sind nicht selten die anspruchsvollen Geschichten, die bleiben – manchmal sogar verbunden mit einem bestimmten Geruch. Ich staune, wie lange sich die Nase erinnert. Viele Begegnungen haben mich berührt; eine herauszuheben fällt schwer. Besonders ist die Dankbarkeit der Menschen, ebenso wie Einsätze, die fordern oder nicht ganz gelingen. Je anspruchsvoller ein Einsatz, desto länger bleibt er in Erinnerung. Leider auch jene, bei denen ich Fehler gemacht habe oder nicht helfen konnte, oder einen wunden Punkt getroffen habe.

www.safw.ch


Zum Buch: Wunden kennen wir alle. Doch was erlebt eine Pflegende unterwegs auf ihren Fahrten durch teils entlegene Gegenden, von Haus zu Haus? Es sind Begegnungen, die unterhalten, fordern und nachwirken. Nicht immer einfach – und doch nah am Leben. Denn hinter der Pflege liegen Geschichten: aus Küchen, Stuben und Schlafzimmern. Manchmal zeigen sich wunde Punkte schon auf dem Weg – im Zug, auf einer Fahrt zu einem Seminar oder mitten im Alltag. «Der wunde Punkt» ist kein Medizinbuch, sondern ein kluger, pointierter Erfahrungsbericht über Menschen, die Pflege brauchen – und oft noch ganz anderes, das mitschwingt. «Sie erzählt mit viel Witz und Selbstironie, ohne ihre Klientinnen und Klienten blosszustellen», heisst es in Medienberichten. Erschienen im Lokwort Buchverlag, Bern, ISBN 978-3-906806-58-7.
23. April 2026

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